CLAP
Projekt

Abstraktionen ob dem Wald

«Abstraktionen ob dem Wald» ist die aktuelle gemeinsame Arbeit des Künstlerduos CLAP, bestehend aus dem Obwaldner Künstler Charlie Lutz und dem Zürcher Autor Andreas Pfister.

Ausgangspunkt der «Abstraktionen» ist die Druckwerkstatt Martin Wallimann an der Brünigstrasse. «An der Brünigstrasse wird wieder gedruckt», so kündigt die Werkstatt die Wiederaufnahme des Betriebs an. Gemeinsam sind Charlie Lutz und Andreas Pfister unterwegs, vor allem in Obwalden. Charlie Lutz wohnt hier, Andreas Pfister ist für das Projekt regelmässig zu Besuch. Sie durchstreifen die Gegend, wandern auf Gipfel, fahren Bahn. Sie erledigen sie Alltägliches, suchen touristische Ziele auf und noch öfter ganz normale Orte. Dabei halten sie Eindrücke fest: vertraute, beiläufige, besondere. Diese Orte und Momente werden künstlerisch bearbeitet, reflektiert, abstrahiert. Charlie Lutz fotografiert und druckt, Andreas Pfister schreibt Gedichte.

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Ausgangspunkt ist das Lokale, in dem sich das Übergreifende, Bezeichnende zeigt: im Geschäft der Druckerei gegenüber, im Verkehr, in der Fassadenstruktur. Gebunden an den Ort weist es über sich hinaus. Aus dem Spannungsfeld der zwei Perspektiven – jener des hier Lebenden, jener des Besuchenden – entsteht ein literarisch-künstlerisches Porträt der Gegend und der Menschen, die sie bewohnen. Fremd-vertraut zeigt sich das Leben in Zwischenräumen, in Gärten, Büros und in den Zügen des Mittellands. Momentaufnahmen sind es, vorbeiziehende Landschaften und Gedanken, Erlebtes und Erinnertes. Die Bilder und Texte nehmen Bezug aufeinander. Manchmal sind sie am gleichen Ort entstanden. «S5» etwa beschreibt eine Zugfahrt von Sarnen nach Luzern, und die abstrakten Bilder weisen Spuren auf von Sitzpolstern oder Stationen.

Die Landschaften, die Felsformationenen, der Horizont und der See finden sich in verschiedenen Bildern und Texten wieder. Die Brünigstrasse und die Druckerei sind Ausgangspunkt verschiedener Texte und Bilder. Und natürlich sind da immer Menschen: das träumende Kind, die lärmende Dorfjugend, wachende Frau in der nächtlichen Stube. Der gemeinsame Grund steht als Motiv am Anfang der «Abstraktionen»: Charlie Lutz und Andreas Pfister arbeiten als Lehrer an der gleichen Schule. Charlie Lutz unterrichtet Bildnerisches Gestalten, Andreas Pfister Deutsch. Daraus ist eine künstlerische Zusammenarbeit entstanden. Der «common ground» hat im Wortsinn Eingang in das Projekt gefunden. Die «Abstraktionen» zeigen Bilder und Texte aus Obwalden, aus dem Schweizer Mittelland, aus dem alltäglichen Leben. Sie zeigen einen Künstler und einen Autor, die sich neugierig umsehen im Vertrauten, das Unauffällige festhalten, gestalten, verfremden. Sie laden ein, einen neuen Blick auf das Eigene zu werfen. Und, wer weiss, vielleicht im Abstrakten sich selbst wiederzuerkennen.

Rietli
+

Hab nicht auch ich mich niedergelassen?
Bewohne ich nicht das Land?
Doch gleite ich nur über Oberflächen
Und höre den Motor.

Wie Schaum nur stehn hier
Häuser an den Hängen 
Verbunden durch eine leicht kurvige Strasse.
Ich komm nicht rein in meine Gegend.

Menschen mit Mienen wie Wände.
Wie bin ich hierhergekommen?
In dieses selbstgewählte Schicksal,
Das sich niederschlägt 
Als Haus in einer Siedlung?

Ich habe nie zu euch gehört,
Und war doch einer von euch.
Ihr seid mir fremd geblieben
In euren Faserpelzen.

Wir queren den Wald
Im geheizten Familienwagen.
Das Nass der Strasse
Rauscht gegen den Fahrzeugboden.

Ein träumendes Kind schiebt sein Rad über die Kreuzung,
Betrachtet den Asphalt unter seinen Füssen.
Irgendwo kommen wir alle her,
Warum nicht von hier.

Wir fahren vorbei
an Nachmittagsmenschen.
Sie überlassen sich,
In ihren Firmenautos schlafende Vertreter,
dem Fluss ihrer Traumbilder.

S5
+

Sarnen. Felswände, zerklüftet, Grau des Steins. Wald darüber, dazwischen. Landschaft in Händen und Bildern. Finger wie sperrige Äste. Draussen die nächste Ortstafel: Sarnen Nord. Noch mehr Bankomaten in violettem Gehäuse. Mein Spiegelbild im Zugfenster. Alpnach Dorf. Ich ziehe an der Gegend vorbei, täglich. Dass ich im Zug bin, weiss das Land nicht. Den Feldern da draussen ist das egal. Ich werde hier gewesen sein. Die Gegend, der See, die Dörfer werden bleiben. Alpnachstad. Der Fels ein Urtier. Bäume wie lichte Haare in unendlicher Gleichgültigkeit. Was hast du getan all diese Jahre? Was schreibe ich, vergeblich wie das Wetter, derweil die roten Züge die Landschaft rasch durchstechen. Wir sind wie alle vor und nach uns. Wie alle in diesen Häusern. Hergiswil. Rauhe Gegend, wüst verbaut. Ungelenk und solide. All das, Horw, machen wir falsch. Laute Lehrlinge jetzt, mit Haar wie Braunbären. Gepiercte Augenbrauen, Arbeiterhosen. Zeigen sich auf dem Handy –. Kriens Mattenhof. Derweil die Dämmerung und der tief hängende Nebel über dem See –.  Ewig im Rund geht die Bahnhofsuhr. Wem gilt diese Zeit? Auf der Autobahn Lichter ohne Zahl. Im anderen Zug die gleichen Leute. Luzern Allmend/Messe. Ihr gebauten Häuser, ihr Unterführungen und Parkplätze. Ihr Zäune, Sträucher all, ihr Hecken. Terrassenbauten mit Aussicht. So sitzen wir, nicht anders, auf flach gepolsterten Sitzen mit ihrer Musterung. Draussen die Krähen, hier die Mädchen. Hei, Lehrlinge! Lärm, Gedränge und Jacken. Luzern. Der Zug kommt an.

Fahne
+

Ein Mann
wie ein Muni
mit riesigen Armen
Tattoos
und Bart
steht vor der offenen Garage
des Einfamilienhauses

Freistehend
wie alle hier
im Quartier
umgeben von Hecken
und Mäuerchen
Sträuchern
Er raucht

Und sieht dem Kleinkind zu
das erste Schritte macht
im Windelpack
vor dem offenen Garagentor
Es stampft und dreht sich,
tanzt den Garagentanz
und jauchzt.

Drinnen hängt 
An der Rückwand
Ein rotes Tuch 
Mit weissem Kreuz

Schlüssel
+

Ich blicke aus dem Zugfenster
Das Glas spiegelt leicht
Ich sehe beides: Mich selbst
und die vorbeiziehende Landschaft

Fremd-vertraut, so zeigt sich mir
das andre Eigene da draussen
Und ich finde wie erwartet
Selbst gemachte Wirklichkeit

Wie der Schlüssel auf dem Wappen
Weiss steht er auf rotem Grund
Und gleichzeitig umgekehrt
Eins im andern, Rot auf Weiss

So bring ich das Feld hervor
Und werd selbst hervorgebracht
Ein Tourist im eignen Garten
Fremd im Spiegelkabinett

Die gestaltete Landschaft
Erfunden und entdeckt zugleich
Ich zeichne sie sorgfältig ab
Seh ich nicht mehr, als ich weiss?

Ortsuntypisch, was heisst das
Müde manchmal, ungeliebt
Hab ich die Hügel in den Händen
Und das Mittelland im Herzen

Weit entfernt vom blossen Abbild
Will ich nicht einfach erfinden
Und schon gar nicht kritisieren
Schwankend stets mein Interesse

Landschaftsmaler wie wir alle
Zeichne ich mich, Teil des Bilds.
Mich trennt nur ein Maschenzaun
Vom ordentlich gepflegten Friedhof

Kneif’ die Augen leicht zusammen
Will sie fassen, und dann doch nicht
Meine fremde, meine eigne
Meine unverstand’ne Heimat

Terrazzo
+

Ich weiss nicht, wie man diese Art von Bodenplatten nennt
Und ich weiss nicht, ob sie irgendwer bei ihrem Namen kennt
Sie sind wie alles Wichtige nicht einfach zu beschreiben
Doch wenn wir längst gegangen sind, dann werden die noch bleiben

So Steinchen sind es irgendwie, in Steine eingelassen
Ein Guss aus Beton oder so, um feinen Kies zu fassen
Die Körnung so, die Grösse so, bestimmt ist das normiert
Der Common Ground, wo unser Leben jeden Tag passiert

Manchmal ist er grubelig und manchmal glattpoliert
Manchmal gibt er sich alltäglich, manchmal auch geziert
Ich stehe jeden Tag darauf – verstehe nichts davon
Fussabwärts ignorant und das seit zwanzig Jahren schon.

Man könnte sagen dieses Bodenbild sei metaphorisch
Mein Leben in gemachten Welten mehr als nur rhetorisch
Mein Nichtwissen betrifft im Fall nicht nur die Bodenplatten
Ähnlich wenig weiss ich nämlich von den Teppichmatten

Noch schlimmer sieht es aus, wenn man mich fragt zum Linoleum
Im Provisorium, uns’rem Vergänglichkeitsmuseum
Die weiss gestrichnen Räume dort und die normierten Tische
Wir sitzen an steingrauen Platten grad in alter Frische

Unbekannte Oberflächen, wo ich nur hinschaue,
Dekor meines Lebens und Produkt, dem ich vertraue
Vorgefertigt, nicht so wichtig, und grad eben drum
Sing ich heut vom Leben hier im Provisorium

Abfallkübel, Fenstergriffe, wie man das so macht
Ich besinge die Banalität in ihrer Pracht
Alltag und ein Parkplatz und ein Lieferantenbus
Bäume und Teenager und ein hingehauchter Kuss

Jahrelang und Dachbepflanzung und ein Arbeitsleben
Die Hecken und die Sitzung und das Mailprogramm daneben
Mal sehn wir uns von weitem und dann sehn wir uns ganz nah
Wir sind nicht so wichtig, doch wir sind nun einmal da

Das ist unser Boden hier und das ist unser Haus
Durch diese Tür mit Chromstahlgriffen gehn wir ein und aus
Das Leben spielt nicht irgendwo in fernem Traumrevier
Und sind wir auch halbtransparent, sind wir doch immer hier.

Zur gleichen Zeit am gleichen Ort, dem Schicksal unbekannt
Betreten wir genormten Boden: das gelobte Land.

Dann die Poesie
+

Hobelspäne, Stundenpläne
 - Dann die Poesie

Butter kaufen, schnell noch laufen
 - Dann die Poesie

Lange in der Schulbank sitzen
Und dann an der Prüfung schwitzen
An der Uni Kunst studieren
Nachts Substanzen ausprobieren
Nichts auf später je verschieben
Heftig die Geliebten lieben
Leiden wie noch nie
 - Dann die Poesie.

In die grössern Städte ziehen
Vor der eignen Herkunft fliehen
Sich in grosse Arbeit stürzen
Zeit zu schreiben leider kürzen
Seine Karriere starten
Und das andere muss warten
Erst die Strategie
 - Dann die Poesie

Wechsel in die Führungsriege
In die Management-Struktur
In der Zeitung ferne Kriege
Not und Tod rund um die Uhr
Im Osten eine Havarie
 - Dann die Poesie


Vitaparcours, Liegestütze
Klimmzüge, wo wenig nütze
Absätze gummieren lassen
Schülerhefte schön einfassen
Erst die Family
 - Dann die Poesie

E-Mails checken, Kinder necken
Kinderwagen, Geige tragen
Franz abfragen und wüst sagen
Velo flicken, Brief verschicken
Ferien buchen, Hotel suchen
Über diese Preise fluchen
Snowboard, Schuhe, Ski
 - Dann die Poesie

Zweifel an der Dichtung hegen
Sinn für die Pragmatik pflegen
Beide Beine fest im Leben
Ein Projekt jedoch daneben
Und das Schreiben nicht aufgeben
Allerdings zu andren Themen
Die dich auch so wundernehmen
Das braucht Energie
 - Nicht nur Poesie.

Endlich eine Rolex schenken
Und ans Rentenalter denken
Bücher von den andern lesen
Und das wär’s dann schon gewesen
Du warst da, doch irgendwie
 - Kam’s nie zur Poesie.

Vor dem Richterstuhl erscheinen
Leicht geniert halbherzig weinen
Alles in die Waage werfen
Zusätzlich ein wenig bluffen
Warten auf die Frage,
doch die Frage, die kommt nie
 - Nach der Poesie

Die Vögel
+

In Wellen fliegt er übers Mätteli,
Vorbei am Fenster und zum Zwetschgenbaum.
Ein Buchfink, sagt der Vater, sieht ihm nach
Von seinem Platz aus an dem Küchentisch.

Mutter zeichnet seinen Wellenflug
Nach mit ihrer weichen, zittrigen Hand.
Alte Boskop haben sie gestreut
Für die Vögel rund um Haus und Stall.

Geschickt hängt eine Meise dort am Steg
Mit ihrer gelben Brust mit schwarzem Streifen.
Wir tun dort Kerne ine, sagt die Mutter.
Unebene Verbundsteine der Terrasse. Herbstlaub.

Meertrübeli. Freche Spatzen flattern
In Sträuchern und im Gartenhag. Sie springen
Von einem Ast zum nächsten, stets am Picken.
Der Garten leert sich. Vaters Hacke, Erde.

Stare wascheln oben in der Pappel.
Filigrane Zweige stehen kahl.
Wolkengeschiebe von Ost, die kalte Bise.
Im Weiher unten seh ich erstmals Enten.

Jetzt fliegt ein Grünspecht in die neue Hecke,
Die der Sohn erst kürzlich angepflanzt.
Der Vater hat gesagt: Das gibt Beiträge.
Mutters Augen hinter ihrer Brille.

Krähen streiten auf dem Scheunenfirst.
Eine flattert in des Kirschbaums Krone.
Dort, ein schwarzer Punkt in kahlem Geäst.
Krächzt wüst und kalt durch unsre leere Hostet.

Am nächsten Morgen steht die Amsel steif
Und unbeweglich auf dem Birkenzweig.
Der Rauhreif zauberhaft auf jedem Ästchen.
Weiss auch das Gras, und auf dem Ebnet Stille.

Bald schon fliegen wieder Schwalben, gewiss.
Akrobatenflug, sommerliche Kalligrafie.
Schiessen elegant dort durchs Tennstöri.
Füttern Junge in dem Kunststoffnest.

Lerchen schwirrten damals, weisst du noch.
Deine Kinderzeiten mit Himbeeren.
Der Traktor und der Milan und der Jura.
Die Luft, die Flieger und der weite Westen.

Cherub
+

Auf dem Glaubenbergpass auf tausend Metern
liebt eine Frau einen hässlichen Engel.
Sie liebt ihn ganz und gar. Seine knorrigen Flügel,
seine gestutzten, untauglichen Federn.

Sie weiss noch, wie er gelandet ist damals,
Schwerfällig in ihren Hühnerhof geplumpst,
Verlegen hinkend, Entschuldigung stammelnd.
Seither liebt sie ihn.

Sie liebt ihm beim Aufstehn, den wüsten Gemahl,
Das unförmige Tier, ein Gesicht wie ein Elch.
Sie liebt ihn am Abend, im Schein der Lampe,
Beim Rechnungen zahlen, ein gerupfter Pfau.

Sie poliert seinen matten Heiligenschein
Wie einer Putte. Und flüstert leise: Mein Engel.
Sie fährt ihm über das struppige Gefieder.
Er hält dann ganz still, der wüste Cherub.

Sie liebt sogar seine hässliche Seele.
Seine Engelsträume, die er verschweigt.
Selbst seine Liebe ist wüst, das weiss sie.
Sie liebt ihn trotzdem oder deswegen.

Sie liebt ihn, wenn er finster fernsieht,
Sein Himmelszeug und dieses Gesinge.
Sie wäscht seine goldenen Unterhosen
Und schenkt ihm zu Weihnachten Sternenstaub.

Manchmal wird es Nacht auf dem Pass.
Verrenkt liegt er auf schmerzenden Schwingen,
Ächzt und legt den Arm hinüber.
Sie nimmt seine raue Engelshand.

Und erlöst ihn damit, den Gefallenen.
Hier oben ist sie ihm Wolken und Wald.
Ihre Liebe zum Biest ist lauter Gnade
Und ihr Herz ein Nest für den grossen Vogel.

Guess
+

Edles Gesicht, dunkle Augen. Eine Lernende, eine Schülerin. Du sitzt schräg gegenüber, siehst aus dem Zugfenster. Siehst hellblonde Haare bei braunem Ansatz. Viel Make up, Schminke, schwere Mascara. Zerrissene Jeans und weisse Turnschuhe.

Draussen der Hafen, Alpnachstad. Gelächter im Waggon, Geschrei und Gedränge. Du bist allein. Das Mädchen mit Airpods. Ihr Handy, ihre Marlboro Gold. Dein struppiges Haar, deine Glatze. Dein Gürtel, dein stolz kariertes Hemd. Darunter dein weisser Ranzen. Deine Steckenbeine.

Siehst Häuser von Horw. Bäume und Sträucher, Baustellen in Plastik. Was dem Blick halt sich bietet. Du bist irgendein Mann. Ihr werdet die Blicke nicht kreuzen. Hergiswil Matt. Du kennst es, dieses Schräg-Gegenüber. Weshalb hast du dich hingesetzt. Jetzt hinterlässt sie eine Sprachnachricht. In ihrer Stimme das Vertrauen. Dich gibt es nicht. Und als sie lacht, lächelst du mit. Eine Göre in Schuhen von Guess. Wie lange schon machst du das: an Schönen vorbeisehn. Du ahnst ihre Augen. Würden sie dich anblicken, du würdest – ja, was?

Die Tussi – ach, wäre sie dein! Ist einfach hier, reine Präsenz, in der dein Leben verglüht am Vierwaldstättersee. Du glotzt nicht primitiv. Schliesslich hast du Liebe gefunden. Und dachtest damals: Was, ich? Der Chor der Jugendlichen steht bei der Tür. Immer hast du nur die Schönste geliebt. Und dann die genommen, die du bekommen hast. Was du sagen könntest, ist unanständig. Dein saurer Schweiss. Du kannst dich beschäftigen mit Dingen. Du hast gedacht, du bist tot. Es schmerzt und triumphiert.

Sie tut gnadenlos weh, die unerreichbare Schönheit, wenn sie bricht in den Alltag mit bauchfreiem Top. Du bist nicht versöhnt. Deine Gedanken willst du nicht denken. Biedere Banalität. Sie streckt sich. Sieh nicht ihren Ausschnitt. Wie es sich wölbt, braun gebrannt unter weissem Tuch. Dass es das gibt. Versinken in Pracht. Die Luft bleibt dir weg vor lauter Wahrheit. Was ist die Welt. Der Bauernverband. Du interessierst dich jetzt für Landmaschinen. Schon rückt das Gefüge sich wieder zurecht. Die Kleine wirft dich nicht aus der Bahn.

Jetzt steht sie auf. Makelloses Wesen in zeitgemässen Klamotten. Still stehn die Jungs und etwas steif, halten feierlich Abstand. Verstummen verstohlen vor der Erhabenen, ihrer Königin. Hier steigt ihr aus, sie in der Mitte. Ein Mädchen im Menschenstrom, verliert sich im Bahnhof. Deine herzlose Herrin, in hoher Hose, mit leuchtenden Knöcheln.

Obwalden, mon amour
+

Leere Zimmer gibt es überall
Am leersten sind sie in Obwalden
Sie stehen still im oberen Stock
Wie leere Kammern deines Herzens
Und du horchst.

Stille gibt es überall
Am stillsten ist es in Obwalden
Wo Jugendliche am Bahnhof schreien
Und mit dem Bus eine Station fahren
Ganz aufgeregt

Eine von denen ist dein Mädchen jetzt
Einer von diesen dein Bub
Du hast jetzt wieder mehr Zeit für dich
Du willst jetzt wieder Spanisch lernen
bloss wann.

Obwaldnen, mon amour
Obwalden, pour toujours

Es laufen Radios in allen Küchen
Die meisten in Obwalden
Wo eine dänisch designete Teekanne steht
Am sauberen Herd die plötzliche Stille
Fällt dich an.

Überall läuft wenig oder nichts
Liegen Scooter herum und Plastikpistolen
Stehen laublose Hecken im warmen Winter
Und hinter unbewegten Vorhängen
reglose Alte

Diese Backsteinhäuser und Balkone
Diese Zufahrtsstrassen und Fusswege
Diese Seitenleuchten an Garagen
Dieser leere, graue Spielplatz
mit Grillmöglichkeit

Obwaldnen, mon amour
Obwalden, pour toujours

Müde sind Menschen überall
Müde ist der ganze Kanton Obwalden
Am müdesten jedoch bist du, mein Freund
Und es ist noch nicht einmal Abend
Draussen.

Am Schrank die Zeichnung deiner Tochter
Als sie in die zweite Klasse ging.
In den Socken stehst du in der Küche
Giesst einen Tee in die Tasse deiner Frau.
Es ist doch ihre?

Allein sind die Menschen überall
Doch richtig allein nur in Obwalden
Man hat zwar viele Freunde dort,
doch mag man die heut gar nicht sehen.
Oder?

Alles ist nicht so schlimm, alle sind heiter
Am heitersten wohl in Obwalden
Wo man beschwingt aus der Türe tritt
Fröhlich winkt und sich schwer fallen lässt
ins Auto.

Was willst du? Wo sind sie? Wohin ist die Zeit?
Sie ist verschwunden in Obwalden
Es stört dich keiner mehr, das Lenkrad ist kalt
Du möchtest zurück, den Streit wieder führen.
Wohin jetzt?

Überall fahren Menschen in die Stadt
Und alle kommen aus Obwalden
Obwaldner sind das Publikum, Obwaldner sind die Gäste
Obwaldner sind die Langweiler an dem
Geburtstagsfeste

Obwalden, mon amour
Obwalden pour tourjours.